2010 Welthunger-Index

Herausforderung Hunger: Die Chance der ersten 1.000 Tage

Die Welt nähert sich dem Jahr 2015 und damit dem Ablauf der Frist zum Erreichen der Millenniumsentwicklungsziele (MDGs), die unter anderem die Halbierung des Anteils hungernder Menschen anstreben. Gerade zu diesem Zeitpunkt bietet der Welthunger-Index (WHI) eine nützliche und mehrdimensionale Momentaufnahme der weltweiten Hungersituation. Der weltweite WHI-Wert 2010 zeigt gegenüber dem WHI 1990 eine Verbesserung: Er ist um fast ein Viertel gesunken. Dennoch bleibt der WHI weltweit auf einem Niveau, das als ernst zu bezeichnen ist. Dies überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass die Gesamtzahl der hungernden Menschen 2009 die Milliardengrenze überschritten hatte.

Die auf dieser Karte dargestellten Grenzen und Bezeichnungen implizieren keine offizielle Billigung oder Anerkennung durch das Internationale Forschungsinstitut für Agrar- und Ernährungspolitik (IFPRI) seine Partner und Donatoren.

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Die höchsten regionalen WHI-Werte erzielen Südasien und Afrika südlich der Sahara, wobei Südasien seit 1990 deutlich größere Fortschritte gemacht hat. Dort geht der hohe Anteil untergewichtiger Kinder unter fünf Jahren zu einem großen Teil auf den schlechten Ernährungs-, Bildungs- und Sozialstatus der Frauen zurück. In Afrika südlich der Sahara erklären sich dagegen die hohe Kindersterblichkeit und der hohe Anteil an Menschen, die ihren Kalorienbedarf nicht decken können, hauptsächlich aus einer schlechten Regierungsführung, Konflikten, politischer Instabilität und hohen HIV-/Aids-Raten.

Einige Staaten haben bedeutende Fortschritte bei der Bekämpfung des Hungers erzielt: Zwischen 1990 und 2010 konnten Angola, Äthiopien, Ghana, Mosambik, Nicaragua und Vietnam ihre absoluten Werte im WHI besonders deutlich verbessern.

In 29 Ländern ist die Hungersituation noch immer gravierend beziehungsweise sehr ernst. Die Länder mit gravierenden WHI-2010-Werten – Burundi, die Demokratische Republik Kongo, Eritrea und der Tschad – liegen in Afrika südlich der Sahara. Sehr ernste WHI-Werte sind in afrikanischen Ländern südlich der Sahara und in Südasien zu finden. Die deutlichste Verschlechterung der WHI-Werte zeigte die Demokratische Republik Kongo, größtenteils aufgrund von Konflikten und politischer Instabilität.

Wirtschaftliche Leistung und Hunger stehen in negativer Korrelation zueinander. Länder mit einem hohen Bruttonationaleinkommen (BNE) pro Kopf, ein wichtiger Messwert für wirtschaftliche Leistung, haben in der Regel niedrige WHI-Werte, während Länder mit einem niedrigen BNE pro Kopf eher hohe WHI-Werte aufweisen. Dieser Zusammenhang besteht jedoch nicht immer. Konflikte, Krankheiten, ungleiche Einkommensverteilung, schlechte Regierungsführung und Diskriminierung von Frauen sind Faktoren, die die Hungersituation in einem Land gegenüber dem, was gemäß dem BNE zu erwarten wäre, verschlechtern können. Andersherum können breitenwirksames wirtschaftliches Wachstum, eine starke Landwirtschaft und die verbesserte Gleichberechtigung von Mann und Frau den Hunger-Index gegenüber dem, was das BNE erwarten ließe, verbessern.

Ein hoher Anteil von unterernährten Kindern trägt entscheidend dazu bei, dass Hunger weiterhin existiert. Global gesehen trägt Untergewicht bei Kindern am meisten zum weltweiten WHI-Wert bei. Obwohl der Anteil der untergewichtigen Kinder unter fünf Jahren nur eines von drei Elementen des WHI darstellt, ist er für fast die Hälfte des globalen WHI-Werts verantwortlich. Das Auftreten von Unterernährung bei Kindern ist dabei nicht gleichmäßig über den Globus verteilt, sondern
konzentriert sich auf wenige Länder und Regionen. Über 90 Prozent der stunted Kinder (Kinder, die für ihr Alter zu klein sind) weltweit leben in Afrika und Asien, wo die Stunting-Raten von Kindern 40 beziehungsweise 36 Prozent betragen.

Um ihre WHI-Werte zu verbessern, müssen die Länder die Bekämpfung der Unterernährung von Kindern vorantreiben. Neue Belege zeigen, dass das entscheidende Handlungsfenster zur Verbesserung der Ernährungssituation von Kindern den Alterszeitraum -9 bis +24 Monate umfasst (also die 1.000 Tage zwischen Empfängnis und der Vollendung des zweiten Lebensjahres). In diesem Zeitraum haben Kinder den größten Bedarf an nahrhafter Kost, Gesundheitsvorsorge und medizinischer Behandlung sowie einer altersgerechten Fürsorge für eine gesunde Entwicklung. Zudem beugen innerhalb dieser Zeitspanne entsprechende Maßnahmen einer Unterernährung am wirkungsvollsten vor. Ab einem Alter von zwei Jahren hingegen lassen sich die Folgen von Unterernährung größtenteils nicht mehr rückgängig machen.

Um der Unterernährung bei Kindern entgegenzuwirken, müssten die Regierungen in wirksame Ernährungsprogramme investieren, die innerhalb dieses Handlungsfensters sowohl bei den Müttern als auch bei den Kindern ansetzen. Diese Maßnahmen müssten auf eine bessere Ernährung der Mütter während Schwangerschaft und Stillzeit abzielen, gesunde Stillpraktiken und altersgemäße Beikostgabe fördern, wichtige Mikronährstoffe zur Verfügung stellen, die Anreicherung der Nahrung mit Jodsalz fördern sowie angemessene Schutzimpfungen gewährleisten. Eine umfangreiche Umsetzung dieser Maßnahmen wird eine schnelle Verbesserung der Ernährungssituation in der frühen Kindheit zur Folge haben. Die Regierungen sollten zudem die indirekten Ursachen der Unterernährung wie Ernährungsunsicherheit, begrenzter Zugang zu medizinischer Versorgung sowie unzureichende Versorgungs- und Ernährungspraktiken, die durch Armut und mangelnde Gleichberechtigung verstärkt werden, stärker in ihre Politik einbeziehen. Strategien zur Armutsbekämpfung, die auf eine Verminderung von Ungleichheit ausgerichtet sind, sind daher ebenso Teil der Bekämpfung frühkindlicher Unterernährung wie politische Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit, der Ernährungssituation und des sozialen Status von Frauen und Mädchen.

Author: 
von Grebmer, Klaus
Ruel, Marie T.
Menon, Purnima
Nestorova, Bella
Olofinbiyi, Tolulope
Fritschel, Heidi
Yohannes, Yisehac
von Oppeln, Constanze
Towey, Olive
Golden, Kate
Thompson, Jennifer
Published date: 
2010
Publisher: 
Deutsche Welthungerhilfe (German AgroAction); International Food Policy Research Institute (IFPRI); Concern Worldwide
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